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Cover PRODUKTION Volkswirte sind in!


Von Dr. Helmut Becker,
Börsenzeitung 25.09.2001
Verfolgt man die kritischen Kommentare in der Öffentlichkeit zur Qualität von Wirtschaftsprognosen und deren geistige Urhebern - den Volkswirten nämlich -, könnte man glauben, das letzte Stündlein dieser Zunft sei gekommen. Auf einen Nenner gebracht: Volkswirte sind out, Betriebswirte sind in! Ist dem wirklich so?
Hat die Volkswirtschaftslehre wirklich keine Zukunft mehr, werden Volkswirte künftig nicht mehr gebraucht? Ist der prognostizierte Niedergang des traditionsreichen Faches für die Studenten tatsächlich ein Segen, für die Forschung kein Schaden und für die Zunft der Volkswirtschaftsprofessoren die Quittung für Vetternwirtschaft, Abschottung und Konservatismus? Sind gähnende Leere in oder gar Abschaffung von volkswirtschaftlichen Fakultäten und Auflösung von volkswirtschaftlichen Abteilungen bereits ein hinreichendes Indiz des "Nichts-Nutz" volkswirtschaftlicher Kenntnisse? Und belegen überfüllte Hörsäle bei Betriebswirten die höherwertigen Lehrinhalte dieses Faches, angefangen bei der Buchhaltung über Sinn stiftende Lebenshilfe diverser Managementkonzepte, wie z.B. "benchmarking", "scorecarding", "customer relationshiping", "value rising", "market spacing", "free climbing" etc., bis zur betriebswirtschaftlichen Umsetzung der Chaostheorie? Fragen über Fragen!

Despektierliche Analysten
Unsere Antwort ist nein, nein, nein! Und wir wollen das auch begründen, indem wir, wie es gute volkswirtschaftliche Art ist, versuchen, hinter die Dinge zu schauen. Vor allem sind es ja die Finanzanalysten, die sich despektierlich über die Volkswirte aussprechen. Sie halten deren Tätigkeit für unbrauchbar, praxisfremd und unbequem - und das hat seinen Grund. Denn das Denken von Finanzanalysten ist mehrheitlich kurzfristig angelegt. Nur der Tageserfolg ("day-trading") zählt, die Finanzmärkte sind global und 24 Stunden rund um den Globus geöffnet, da heißt es schnell agieren und wenig denken. Spätestens am Quartalsende müssen die Ergebnisse stimmen, wer da nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Nicht was fundamental richtig ist, bestimmt die Meinung der Mehrheit und deren Handeln, sondern was die Mehrheit für richtig hält bestimmt den Trend. Ein Analyst, der sich gegen diesen Trend stellt, hat schon verloren.

Fundamentales Denken
Diese Art von Denken ist analytisch geschulten Volkswirten fremd. Sie sind in ihrer Denke fundamental und in ihren Entscheidungen abwägend und langsam - wenn sie denn das Glück hatten, während ihres Studiums auf Lehrer zu treffen wie Weiland Wolfgang Stützel oder Wolfram Engels, zwei Bankbetriebswirte übrigens, die die Welt als geschlossene kreislauftheoretische Systeme betrachtet haben und nicht als lineares Optimierungsmodell. Als eine Welt, in der jede Buchung auch eine Gegenbuchung hat, in der jedem Gewinner ein Verlierer gegenübersteht, nur gemildert durch Dynamik und Wachstum. Volkswirte sind Denker und Skeptiker, sie sehen die Welt stets als Ganzes. Stützel hatte Recht: Es sind Bankbetriebswirte und Finanzanalysten, die bei flexiblen Wechselkursen und unterschiedlichen Währungen durch Spekulation die Volkswirtschaften destabilisieren. Der Euro ist die Antwort darauf. Und seit dem 1. Januar 2001 hat die Spekulation innerhalb Europas auch aufgehört.
Volkswirte wie Helmut Schmidt waren die Vorreiter dafür. Volkswirte sind Philosophen und, weil in Kategorien von Ordnungspolitik und sozialer Marktwirtschaft denkend, auch Ethiker. Auf diese Weise sind sie zwangsläufig, weil sie vom Baum der gesamtwirtschaftlichen Erkenntnis und vom Wissen um das, "was die Welt im Innersten zusammenhält", nicht nur genascht, sondern tatsächlich gegessen haben, "von des Gedankens Blässe angekränkelt". Will heißen, dass Volkswirte für die reale Wirtschaftswelt der Unternehmen ungebogen kaum zu gebrauchen sind, geschweige denn für Finanzanalysten und/oder Investmentbanking. Die Ergebnisse ihrer Fundamentalanalysen und Prognosen gehen nun mal nicht innerhalb 24 Stunden oder spätestens nach drei Monaten in Erfüllung, ganz abgesehen von ethischen Skrupeln und Bedenken. So predigen erfolgreiche Unternehmensführer Unternehmensethik meist auch erst am Ende ihres Berufslebens, nicht mitten im Lauf.

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