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Cover PRODUKTION Business as usual nach dem 11. September


Von Dr. Helmut Becker, Börsenzeitung 09.02.2002
Die grauenvollen Terroranschläge vom 11. September in New York liegen gerade mal 4 Monate zurück. Und schon ist die Welt dabei, sie wieder zu vergessen. Fluch oder Segen für die Weltwirtschaft? Haben sich alle Meinungsmacher, Politologen, Wirtschaftsauguren geirrt?

Erinnern wir uns noch einmal, was damals, in den Tagen und Wochen unmittelbar nach 11. September , unter dem Eindruck der schrecklichen Bilder vom Ground Zero zu diesem Ereignis gesagt und geschrieben wurde. Nichts werde mehr so sein, wie es vor dem 11 September war, hieß es. Die Welt habe sich in den wenigen Wochen danach stärker verändert als Jahrzehnten davor.

Vielfach wurde die Befürchtung laut, dass mit den Terroranschlägen an den Grundsätzen des westlichen Wirtschafts- und –Wertesystems tief in die Substanz schneidende Wertberichtigungen vorgenommen werden müssten. Allenthalben wurde auf die Bedrohung unserer freiheitlichen, demokratischen, marktwirtschaftlichen Grundsätzen hingewiesen und auf die Gefahr, dass nunmehr an die Stelle von Deregulierung, Privatisierung, Liberalisierung über Nacht Regulierung, Intervention, Kontrolle, Aufsicht, kurz: der allmächtige Überwachungsstaat treten würde. Erinnerungen George Orwell wurden laut, Big Brother läßt grüßen!

Weitverbreitet und tief in der Überzeugung vieler war die Meinung verankert, der gesellschaftliche und politische Wandel im Gefolge des Übergangs von der Friedens- zur internationalen Kriegswirtschaft werde zu nicht absehbaren gravierenden Auswirkungen im internationalen Wirtschaftsleben und in unserer freiheitlichen Lebensweise in den kommenden Jahren und Jahrzehnten führen. Vermeintliche Maßlosigkeit und Verschwendung knapper Resourcen in der westlichen Kultur würden abgelöst durch puritanische Lebensweise und innere Einkehr, unsere „Spaßgesellschaft“ sei am Ende. Folgerichtig wurden Komik und Spaßmacher aus den Medien verbannt, Gesinnungsethiker hatten die Oberhand, die „es immer schon gesagt“ hatten, dass unsere westliche Lebensweise des Teufels sei.

Und dennoch ist alles ganz anders gekommen. Als Hauptschurken im Stück wurden sehr rasch Osama Bin Laden und Mullar Omar mit ihrer Al Quaida-Terrororganisation ausgemacht. Zwei Monate erfolgreicher Luftkrieg der USA in Afghanistan, bei dem weniger US-Soldaten ihr Leben lassen mussten als täglich im Berufsverkehr in New York sterben, haben außer der militärischen und technologischen Übermacht und Überlegenheit der Vereinigten Staaten von Amerika vor allem eines gezeigt: Dass die westliche Welt mit ihren neuen Verbündeten in Rußland und China, ihr Wertesystem in case of emergencydoch zu verteidigen weiß. Und die Welt ging sehr rasch zum Alltag über.

Die vielfach nach dem blutigen 11. September beschworene Weltwirtschaftskrise ist ausgeblieben, die befürchtete Umwertung aller Werte hat nicht stattgefunden. Im Gegenteil, möchte man fast sagen. Wer erinnert sich heute noch an Osama Bin Laden oder Mullar Omar? Zwei Namen, die längst aus den Schlagzeilen der Weltpresse verschwunden sind. „Gotteskämpfer“ – allenfalls noch als Unwort des Jahres 2001 von semantischem Interesse. Wer erinnert sich noch an die politischen Aufgeregtheiten bis hin zur Vertrauensfrage um den Einsatz deutscher Friedenssoldaten in Kabul, vor wenigen Wochen noch von zentraler innerdeutscher Bedeutung, heute im Papierkorb der Geschichte abgelegt.
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