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Vom Saulus zum Paulus?

Von Dr. Helmut Becker, Börsenzeitung 26.02.2002
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Vollkommene Preis- Informationen und Käufe über das Internet haben inzwischen jeden Versuch von Selektion, Verkaufsprivilegien, Abschottungsmaßnahmen etc. auf dem
europäischen Automobilmarkt ad Absurdum geführt. So war es nur eine Frage der Zeit, dass sich aus der Branche selbst heraus Widerstand gegen die Aufrechterhaltung
eines Privilegs rührt, das in der vorliegenden Reformversion von Kommissar Monti für die Hersteller eigentlich nur noch eine Belastung dahingehend darstellt, dass
sich die Hersteller durch die Beibehaltung der pro forma Händlerbindung bei verstärktem Wettbewerb von schwachen Händlern nur schwer trennen können.
Die Forderung aus der Branche nach völliger Abschaffung der alten Gruppenfreistellungsverordnung und Gleichstellung mit den übrigen Branchen ist also nicht völlig
altruistisch erfolgt, um den Verbrauchern und Automobilkunden zu einem preiswerteren Vehikel zu verhelfen. Sondern war kühl kalkuliert: Die betriebswirtschaftlichen
Nachteile einer verwässerten Neuregelung waren schlicht und ergreifend größer als bei ihrer grundsätzlichen Beibehaltung in vorliegender Form.
Dass mehr Wettbewerb auf der Händlerebene den Herstellern bei der Bereinigung ihrer Handelsnetze eher hilft denn schadet, hat offensichtlich nur BMW erkannt.
Fest steht, dass der europäische Automobilhandel – ähnlich wie das deutsche Bankennetz – hoffnungslos überbesetzt ist. Auf einen grünen „Rentabilitäts-Zweig“
kommen nur wenige Mega-Händler, während der Rest mit durchschnittlichen Gewinnspannen von 0,2% und weniger an Auszehrung leidet. Währen auf dem US-Markt
Händlerbetriebe mindestens 1000 Autos und mehr jährlich verkaufen müssen, um gut zu leben, erreichen in Deutschland viele Betriebe noch nicht einmal 100 Einheiten.
Da ist Konzentration angesagt, in der Fläche und bei jeder Marke. Die von Monti geplante Freigabe der Markenbindung wird diesen Prozess nochmals
beschleunigen, da sich der Wettbewerb zwischen den Händlern erheblich verschärfen wird. Allerdings: Zugunsten der Automobilkäufer. Bundeskanzler Schröder hat recht,
dass da einiges an Arbeitsplätzen und freien Existenzen „vernichtet“ wird.
Aber was ist die Alternative ? Strukturkonservierung, Reglementierung und damit ineffiziente Faktorallokation? Infolge fehlender Strukturreformen hängt Deutschland ohnehin im internationalen Wachstumsgleitzug zurück. Kaufkraft,
die über staatliche Wettbewerbsbeschränkungen im Automobilmarkt über Normalmaß gebunden wird, fehlt den Verbrauchern an anderer Stelle. Sicher ist, dass die
bisherigen falschen Preissignale infolge der Gruppenfreistellungsverordnung für die Überbesetzung der Handelsorganisation mit verantwortlich sind.
Dass die längst überfällige Bereinigung am Markt zu politische inopportuner Zeit und mitten in der Rezession erfolgt, ist bedauerlich, enthebt sie jedoch nicht
der Notwendigkeit. BMW sei Dank, dass die Abschaffung der GVO nunmehr auch Befürworter in der Branche selbst gefunden hat, wenn auch nicht ganz Uneigennützige.
Und sehr zum Ärger der Branchenkollegen.
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