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mm.de: Herr Becker, Ihr aktuelles Buch über den globalen
Verdrängungswettbewerb der Autoindustrie trägt den Titel "Auf
Crashkurs". Volkswagen erweckt derzeit eher den Eindruck, schon
einen Totalschaden erlitten zu haben. Kann die Reparatur gelingen?
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Helmut Becker
ist Gründer und Leiter des Instituts für
Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in
München. Von 1974 bis 1996 stand er in den Diensten
von BMW, zuletzt als Chefvolkswirt. Seine berufliche
Laufbahn begann der 61-Jährige als
wissenschaftlicher Mitarbeiter bei den "Fünf
Weisen". |
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Becker: Die Reparatur kann gelingen, aber nicht
zwingend. Man muss da zwischen Konzern und Marke unterscheiden. Im
Übrigen sehe ich das Ganze nicht als einen Totalschaden an, sondern
als Chance, sich von Strukturen zu befreien, die ohne Reform an
Haupt und Gliedern zwangsläufig zum Totalschaden geführt hätten. Ich
bin sicher, dass das Management um Markenchef Wolfgang Bernhard
diese Chance nutzen wird, um VW zu sanieren.
mm.de: Das dürfte mit einer Menge Arbeit für Herrn Bernhard
verbunden sein, schließlich kommt VW auch bei dem von Ihnen
erstellten "Überlebensindex" unter den elf großen Herstellern nur
auf Rang acht. Warum?
Becker: VW kommt auf Rang acht, weil es - etwas simpel
gesprochen - sieben Wettbewerber gibt, die besser sind. Aber im
Ernst: Wenn wir GM und Ford einmal außen vor lassen, so ist der
gefährlichste Konkurrent von VW auf dem Weltmarkt Toyota , der
inzwischen den europäischen Markt fest ins Visier genommen hat. Und
da ist nun mal VW der Platzhirsch. Es scheint aber, dass bei VW
angekommen ist, dass man als größter europäischer Volumenhersteller
von dieser Wettbewerbsverschärfung besonders betroffen sein wird.
Wenn man dann noch die internen Schwächen des Konzerns dazu nimmt,
die dieser Tage ans Licht kommen, steht VW zu Recht auf dem Platz,
wo das Unternehmen einsortiert wurde. Aber wohlgemerkt: Das ist kein
Horoskop, sondern eine Prognose, die den heutigen Zustand in die
Zukunft fortschreibt. In Wirklichkeit kann das Bild in ein oder zwei
Jahren, wenn Pischetsrieder und Bernhard erfolgreich gewirkt haben,
durchaus anders aussehen.
mm.de: Für 2008 hat Markenchef Bernhard ein Modellfeuerwerk
angekündigt. Endlich, sagen viele Kritiker. Sie behaupten nun, dass
die Atomisierung der Modellpaletten den Ertragsdruck noch steigert.
Ein Widerspruch?
Becker: Nein. VW mag zwar zu wenig Modelle haben, der
Weltautomobilmarkt mit Sicherheit nicht. Der Ertragsdruck nimmt bei
allen Herstellern zu. Die Frage ist nur, wer diesen Ertragsdruck am
besten abwettern kann. Einige werden am Ende des Tages sicherlich
das Handtuch werfen und den Markt räumen müssen, so dass für die
anderen wieder Platz ist. Sehr schmerzhaft ist allerdings die
Zeitspanne, in der dieser Anpassungsprozess greift. Richtig ist,
dass dieser Ausleseprozess bei allen Herstellern durch die
Atomisierung der Modellpaletten und immer rabiatere Rabattschlachten
vorgetragen wird. Alle Hersteller feuern unentwegt Modelloffensiven
ab. Doch wer soll in gesättigten Märkten und bei eher schrumpfenden
Realeinkommen alle diese schönen neuen Autos kaufen? Damit geht es
letztlich bei allen Autokonzernen an die Erträge.
mm.de: Es gibt also eine Zwickmühle aus Marktsättigung bei
gleichzeitigem Verdrängungswettbewerb. Wie sieht der Ausweg aus?
Becker: Der Markt muss bereinigt werden. Allerdings sind wir
noch nicht so weit, weil alle Hersteller davon ausgehen, dass sie
eine Marktchance haben. Rein einzelwirtschaftlich betrachtet, muss
jedes Unternehmen auch so vorgehen. Nur, makroökonomisch betrachtet
wird es für alle nicht reichen. Das Ende von Rover zeigt übrigens,
dass der Markträumungsprozess weiter läuft, auch wenn plötzlich
Käufer auftauchen, die die Marke weiterführen wollen. Entweder ist
das eine chinesische Variante der Plattform-Strategie - Rover als
Plattform zur Vermarktung chinesischer Automobile in Europa - oder
eine clevere Idee der Investoren, ähnlich wie schon die Vorgänger
irgendwoher Subventionsmittel zu erhalten, nur diesmal nicht von
BMW. Ernsthaft kann heute niemand darüber nachdenken, Rover als
Automobilunternehmen neu zu beleben. Wie sollte das auch geschehen,
wo Experten doch schon meinen, den nächsten Kandidaten für die
Markträumung bereits im Süden Europas ausgemacht zu haben.
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Helmut
Becker: "Auf Crashkurs - Automobilindustrie im globalen
Verdrängungswettbewerb";
Springer 2005, 280 Seiten, 69,95 Euro.
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mm.de: Sie reden von Fiat.
Becker: Auch dort gibt es Manager, die für ihre Marken
Modellfeuerwerke zünden wollen. Wie gesagt, jeder Hersteller tut
das, in der Hoffnung, zusätzliche Nachfrage auf sich zu ziehen. Es
wird jedoch sehr schwierig, da der Markt eben nicht oder kaum noch
wächst und bei gesättigten Märkten eigenes Wachstum nur über
Marktanteilsgewinne erreicht werden kann. Das Ganze ist nämlich ein
Nullsummenspiel, ein Hersteller kann immer nur zu Lasten eines
anderen wachsen. Und dummerweise wehrt sich der natürlich, aus dem
Markt gedrängt zu werden. Und genau das macht den
Verdrängungswettbewerb so teuer, und zwar für alle.
mm.de: Ein weiterer wichtiger Grund für die Probleme der
hiesigen Produzenten sind die Arbeitskosten am Standort Deutschland.
Waren VW & Co. zu lange Patrioten?
Becker: Nein, eigentlich das Gegenteil. Denn es hat ja keinen
Zweck, Beschäftigung, die wettbewerbsmäßig nicht zu halten ist, mit
Zähnen und Klauen zu verteidigen wie es der Personalbereich bei VW
in trauter Eintracht mit dem Betriebsrat getan hat. Denken Sie an
die Weber vor 200 Jahren. Die erste Generation der mechanischen
Webstühle konnten sie noch kaputt schlagen, die zweite schon nicht
mehr - hat es was genutzt? Es ist eine alte volkswirtschaftliche
Weisheit: Gegen Strukturwandel ist kein Kraut gewachsen, man kann
ihn abfedern, aber nicht zum Stillstand bringen. Auch hier gilt:
Angriff ist die beste Verteidigung. Man muss sich dem Strukturwandel
offensiv stellen anstatt passiv immer nur die Folgen auszubügeln.
........
Zum zweiten Teil des Interviews
weiter >>
[Das Interview finden Sie im
Archiv des Manager Magazins:
Autoindustrie
Teil 1: "VW ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft"
Teil 2: "Es wird nicht für alle reichen"
Teil 3: "Nicht Kopieren, Kapieren!"
Teil 4: "Auf ethische Grundwerte zurückbesinnen"
Teil 5: "Auf Ertrag gemästet und geschlachtet"
Teil 6: "Wir verlieren weiter an Beschäftigung"
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