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mm.de: Wie von Ihnen schon erwähnt ist Toyota das
Vorbild für die weltweite Auto-Gemeinde. Der Fall Mitsubishi macht
aber deutlich, dass es sich nicht um einen japanischen
Mentalitätsvorteil handeln kann, oder?
Becker: Richtig. Die japanische
Automobilindustrie gibt es ebenso wenig wie die deutsche. Der
Erfolg von Toyota ist kein japanisches Phänomen, sondern ein
Toyota-Phänomen. Das berühmte Toyota-Produktions-System (TPS) ist
mittlerweile bei allen übrigen Herstellern State of the Art. Doch
wie sagte zum TPS-System Porsche-Vorstand Michael Macht: "Nicht
Kopieren, Kapieren!" Es steckt eine Ideologie dahinter, die Ursache
für den Erfolg von Toyota ist.
Nehmen Sie das Projekt Nummi, ein Gemeinschaftsprojekt zwischen
Toyota und GM. In den 80er Jahren fiel Toyota in diesem
Kooperationsprojekt die Leitung einer alten und völlig verlotterten
GM-Fabrik in Kalifornien mit völlig demotivierter Belegschaft zu.
Ergebnis: Nach drei Jahren war Nummi das produktivste Automobilwerk
in den USA.
Meiner Meinung nach liegt der Unterschied im Erfolg in der
konservativen Grundhaltung Toyotas, in der Art und Weise, wie sich
das Unternehmen in der Unternehmenskultur aufstellt. Die
Toyota-Leute sind die Preußen Japans, oder salopp gesagt, einfach in
einer anderen, erzkonservativen Wolle gewaschen.
mm.de: Das 21. Jahrhundert wird oft als das asiatische
betitelt. Zu Recht?
Becker: Schließt man Osteuropa mit ein, kann ich dem
zustimmen. Die erfolgreichen Asiaten wie zum Beispiel Toyota oder
Hyundai oder, was sich bereits abzeichnet, die heute noch weitgehend
unbekannten Chinesen werden die treibenden Kräfte sein. Ganz
abstrakt gesprochen: Asien und Osteuropa werden im 21. Jahrhundert
zur "Fabrik" der Welt.
mm.de: Wann werden die Chinesen eine ernsthafte Rolle
spielen?
Becker: Noch ist das alles ziemlich nebulös. Wenn man eine
Marke etablieren will, müssen neben der Qualität auch Vertrieb,
Logistik und Ersatzteilversorgung stimmen. So eine Organisation kann
nicht von heute auf morgen hochgezogen werden. Noch fehlt es den
Chinesen fast an allem, auch an Autos. Aber sie kommen, der
"Landwind" weht ja bereits.
Möglich wäre, dass beispielsweise ein chinesischer Hersteller Fiat
kaufen könnte. Das würde die Marktpenetration dann natürlich
erheblich beschleunigen. Dann werden sie aber sicherlich keine
chinesischen Autos in Italien produzieren, sondern umgekehrt Fiats
im Reich der Mitte, die dann über die Fiat-Vertriebsorganisation in
Europa vermarktet werden.
mm.de: Der Sportfunktionär Walter Tröger hat im Bezug auf
Korruptionsvorwürfe gegen IOC-Mitglieder jüngst davon gesprochen,
dass man sich - vereinfacht gesagt - an die Sitten anderer Länder
werde gewöhnen müssen. Drohen uns nun dauerhaft Fälle à la VW?
Becker: An die Sitten anderer Länder sollte man sich als
Kosmopolit durchaus gewöhnen, nicht aber an die Unsitten. Korruption
ist auch im Ausland auf die Dauer kein Geschäftsmodell. Das
Gegenteil ist der Fall. Europäische Industriegesellschaften, allen
voran die deutsche, werden sich auf ethische Grundwerte und einen
Arbeitsethos zurückbesinnen müssen, die sie nach dem Kriege groß
gemacht haben. Beispiel Vorstandsgehälter: Ein Vorstand bei Toyota
verdient im Schnitt 260.000 Euro, und das bei einem Konzerngewinn um
die zehn Milliarden Dollar. Ich glaube dieses Beispiel brauche ich
nicht weiter zu vertiefen.
Fazit: Wir werden eine neue Managergeneration mit einem
altbewährten, nicht neuen Wertegerüst bekommen (müssen).
mm.de: Bei Herstellern wie Porsche und BMW läuft es auch
schon jetzt ziemlich gut, warum?
Becker: Das sind praktisch Familienunternehmen, in denen eine
klare Führung herrscht und ein echtes Interesse an der langfristigen
Wertsteigerung des Unternehmens vorhanden ist, keine kurzfristige,
tantiemengeführte Shareholder-Value-Denke. Wir sind in Deutschland
nur deshalb nicht noch weiter abgerutscht, weil wir vor allem im
Mittelstand so viele exzellent geführte Familienbetriebe haben, das
eigentliche Rückgrat unserer Wirtschaft. Hier werden noch die
deutschen Grundtugenden praktiziert: Wahrheit, Klarheit,
Sparsamkeit.
mm.de: Dennoch fordert die Globalisierung auch bei den
oftmals mittelständischen Zulieferern die Bildung immer größerer
Einheiten. Sind die deutschen Familienbetriebe auf diese
Konsolidierung wirklich vorbereitet?
Becker: Teils ja, teils nein! Ich kenne viele Fälle, wo der
immer wieder aufgeschobene Generationswechsel ebenso wie die Grenzen
der Innenfinanzierung den veränderten globalen Herausforderungen nun
im Wege stehen. Die Finanzierung einer Expansion mit Fremdmitteln
haben die bisher so erfolgreichen Mittelständler zum Beispiel lange
gescheut wie der Teufel das Weihwasser.
mm.de: Welche Rolle spielt dabei die Angst vor den
"Heuschrecken"?
Becker: Sicherlich eine große. Viele Beispiele zeigen ja
auch, dass Unternehmen, die auf Private-Equity-Finanzierungen
gesetzt haben, zum Spielball der Finanzinvestoren geworden sind.
Nicht das langfristige Wohl der Betriebe steht im Mittelpunkt,
sondern die Renditegier der Investoren, die nach fünf bis sechs
Jahren befriedigt sein will.
mm.de: Beispiel Beru.
Becker: Zu Einzelfällen möchte ich mich nicht äußern. Die
Medien berichten ja inzwischen fast täglich von solchen Übernahmen
alter deutscher Markenunternehmen, die dann "auf Ertrag gemästet und
geschlachtet" werden.
mm.de: Wer ist in dieser Situation gefragt?
Becker: Eigentlich die Gesellschaft als Ganzes, die erkennen
muss, dass sie schleichend durch ausländische Kapitalanleger um ihr
Volksvermögen gebracht wird. Aber wie aktiviert man eine
Gesellschaft? Ich weiß es nicht.
Danach wäre unser eigener Finanzsektor - Banken und Versicherungen -
gefragt. Die großen Industriebeteiligungen, die wir unserer
Finanzindustrie gerade ausgeprügelt haben, hatten zumindest den
Vorteil, dass die Unternehmensführungen in den Kapitalgesellschaften
durch die Aufsichtsgremien solide kontrolliert wurden. Weil der
Finanzsektor eben als Miteigentümer ein Eigeninteressen an einer
gediegenen strategischen Unternehmensführung hatte. Das scheint
inzwischen vorbei. Nun ist das Feld für Finanzinvestoren ohne
strategisches Interesse frei, mit oftmals allen negativen
Konsequenzen, wenn nur noch verwertet wird.
mm.de: Der "Auto-Kanzler" Gerhard Schröder wird zumindest
wohl ab Herbst dieses Jahres nicht mehr helfen können.
Becker: Nur weil der Kanzler der "Auto-Kanzler" war, muss er
keine schlechte Politik gemacht haben. Ein Politiker hat immer zwei
Optionen: Entweder er konzentriert sich auf das Wohl des Volkes
(Amtseid) oder er konzentriert sich auf seine Beliebtheit beim Volk
(Wiederwahl).
In der Regel neigen Politiker dazu, dem Volk zu gefallen. Wird dann
aber, wie jetzt vom Kanzler geschehen, eine Politik eingeleitet, die
zwar unabdingbar ist, die aber das Volk offensichtlich nicht will,
dann muckt das Volk auf. Opfer sind nicht gefragt. Ein wahres
Dilemma!
Dabei ist nach einhelliger Expertenmeinung unser Staat - gelinde
gesagt - Pleite. Die jetzt von der Union für den Fall einer
Regierungsübernahme angekündigte Mehrwertsteuererhöhung ist nicht
mehr als eine ökonomische Notbremsung und letztlich unvermeidbar,
weil alles andere mehr Zeit braucht, bis es greift. Doch schon geht
das Geschrei los und das Volk stellt fest, dass es das so eigentlich
auch nicht gemeint hat. Mit dieser Einstellung wird man in
Deutschland den Karren aber nicht aus dem Dreck ziehen.
Insofern ist der Fall VW für die gesamte deutsche Volkswirtschaft
eigentlich ein Hoffnungsträger. Wenn es hier gelingt, mit
energischer Hand die "Stube zu kehren", und die notwendigen Schritte
und Schnitte zum Kostenabbau zu tun, wäre das ein Aufbruchsignal für
die gesamte Wirtschaft. Insofern geht das, was bei VW geschieht,
weit über rein innerbetriebliche Vorgänge hinaus.
mm.de: Also lebt man nicht nur in Wolfsburg, sondern in ganz
Deutschland über die Verhältnisse.
Becker: So kann man es ausdrücken. VW ist so gesehen ein Spiegelbild
unserer Gesellschaft. Aber zum Glück gibt es auch positive
Beispiele.
mm.de: Das klingt dennoch alles ziemlich düster. Die
"Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" hat ihr Buch sogar vor
allem "Tapferen und Masochisten" ans Herz gelegt, "die sich am
Niedergang des Standortes Deutschland ergötzen". Wo steht der
Automobilstandort Deutschland in zehn Jahren?
Becker: Ich muss korrigieren: Nicht düster, sondern
realistisch. Düster nur für Menschen, die auf der Insel der
Saumseligen leben und partout nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass
ringsum das Wasser abgelassen wird.
Nun zu Ihrer Frage: Wenn nichts Nachhaltiges auf der Kostenseite
passiert, werden in Deutschland bis dahin vermutlich die ersten
Automobilwerke geschlossen werden. Ich möchte mich hier nicht auf
Spekulationen festlegen, aber die heißesten Kandidaten in meiner
Rechnung sind diejenigen mit den größten Überkapazitäten, so VW und
Opel. Die Standortsicherungsverträge laufen ja bei allen Herstellern
- sogar bei Porsche - nur bis etwa 2010/2011.
Hinzu kommen alle diejenigen Zulieferer mit relativ einfachen
Arbeitsinhalten in den Produkten, die also weder Innovations- noch
Kostenführer sind. Sie werden alle in Billiglohnländer abwandern
müssen, das wird ihnen von den deutschen Herstellern inzwischen
sogar schon vorgeschrieben.
Die Hochtechnologie hingegen wird vorerst in Deutschland bleiben,
zumindest so lange das hiesige Netz aus Wissenschaft und Anwendung
weiterhin so gut funktioniert und Innovationen hervorbringt. Für die
Kombination aus High-Tech und High-Cost gibt es auch in Zukunft
einen Markt. Allerdings sollte der deutschen Öffentlichkeit nicht
vorenthalten werden, dass China inzwischen mit 360.000
Hochschulabgängern etwa zehnmal so viele Ingenieure jährlich
"produziert" wie die deutschen Hochschulen.
mm.de: Ihr Resümee?
Becker: Wir werden am Automobilstandort Deutschland nach
heutigem Erkenntnisstand auf den qualitativ hochwertigen Teil
schrumpfen. Der verbleibende Rest wird damit sogar relativ
wettbewerbsfähiger werden. Das Problem ist nur: Wir verlieren in der
Breite weiter an Beschäftigung. Daher nochmals und mit allem
Nachdruck: "Es muss etwas geschehen, damit nichts passiert!"
mm.de: Zum Schluss. Im Herbst findet in Frankfurt wie alle
zwei Jahre die IAA statt. Wird die Volkswagen-Affäre ihren Schatten
auf die weltgrößte Automobilmesse werfen?
Becker: Nein, die IAA ist das Fest der Welt-Autoindustrie
schlechthin, an dem inzwischen sogar chinesische Hersteller
teilnehmen. Die IAA ist bekanntlich eine Leistungsschau, auf der
jeder Hersteller zeigen kann, was er kann. Und dabei brauchen sich
deutsche Hersteller unisono mit Sicherheit nicht zu verstecken, denn
technisch, qualitativ und stilistisch sind wir weiterhin Weltspitze.
Das gilt ohne Einschränkung auch für VW, man muss nur einmal einen
Phaeton "erfahren" haben, dann weiß man, was ich meine. Unsere
Automobilindustrie hat nur einen Makel: Sie produziert im
internationalen Vergleich zu teuer. Und das hält sie in den nächsten
zehn Jahren so nicht durch.
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[Das Interview finden Sie im
Archiv des Manager Magazins:
Autoindustrie
Teil 1: "VW ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft"
Teil 2: "Es wird nicht für alle reichen"
Teil 3: "Nicht Kopieren, Kapieren!"
Teil 4: "Auf ethische Grundwerte zurückbesinnen"
Teil 5: "Auf Ertrag gemästet und geschlachtet"
Teil 6: "Wir verlieren weiter an Beschäftigung"
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