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Cover Manager Magazin manager-magazin.de, 09.09.2005

GLOSSE

"Krieg als Vater aller Dinge"
Von Helmut Becker 

Die IAA in Frankfurt ist das traditionelle Familienfest der Weltautomobilindustrie. Ein Familienmitglied hat unter einem Krieg gelitten, von einem anderen profitiert und führt nun seinerseits einen Feldzug. Das Ziel: Familienoberhaupt, sprich Weltmarktführer.

Es war einmal in ferner Vergangenheit. Man schrieb das Jahr 2005. Es war am Vorabend der 61. Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA), dem traditionellen Familienfest der Weltautomobilindustrie in Frankfurt. Und wieder mal war Ölpreiskrise, die vierte seit Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

 

© DDP
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Alle Automobilhersteller waren ratlos und betrübt. Aber nicht der Ölpreise wegen. Viel schlimmer: Der Absatz wuchs nunmehr schon im fünften Jahr in Folge nicht mehr. Solche Flautephasen hatte es früher nicht gegeben. Und das, obwohl sie doch "cross over" ohne Rast und Ruh immer schönere, schnellere, höherwertige Autos in immer größerer Variantenzahl, in immer schnellerer Zeit und mit immer größeren Rabatten auf den Markt brachten.

Wirklich alle Automobilhersteller? Nein, nicht alle. Einen gab es, der war quietschvergnügt und voller Gelassenheit und hatte auch allen Grund dazu. Denn immerhin war es ihm nicht nur gelungen, gegen den Branchentrend seit 2002 ununterbrochen Jahr für Jahr eine halbe Million Automobile mehr zu produzieren und weltweit abzusetzen, allein 2005 rund 7,3 Millionen; und damit den Lehrmeister von einst, General Motors, zwei Jahre später vom ersten Platz der Weltrangliste zu verdrängen. Nein, damit nicht genug konnte dieser Hersteller trotz seines unglaublichen Wachstumstempos weiterhin bei allen renommierten Vergleichtests über Qualität und Zuverlässigkeit die ersten Plätze belegen.

So viel Fleiß und Mühe verdient Belohnung, so ist es in der Branche Brauch. Denn: Nicht das Erzählte reicht, nur das Erreichte zählt! Entsprechend wurden die 27 Mitglieder des Vorstands dieses Unternehmens in 2003 "fürstlich" mit 290.000 Euro belohnt, nachdem es im "Krisenjahr" 2002 nur 157.000 Euro gewesen waren. Das war nur ein Siebtel dessen, was der Erzrivale Nissan seinen Vorstandmitgliedern zahlte.

Eine wahrlich unglaubliche Erfolgsgeschichte. Zwar hatte unser Hersteller mit dem Bau von Automobilen - quasi in "Heimarbeit" - schon 1936 begonnen, aber nur mit mäßigem Erfolg und sehr schlechter Qualität. Um Flugzeugteile für die Kriegsmaschinerie herzustellen, musste man die Automobilfertigung einstellen, ganz so, wie es deutschen Automobilherstellern auch gegangen war.

Nach Kriegsende hätte man beinahe den Betrieb ganz einstellen müssen, denn das Unternehmen war mit Schulden in Höhe der Hälfte seiner Bilanzsumme finanziell fast am Ende und war gezwungen, 30 Prozent der Belegschaft zu entlassen.

 
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Dazu musste man einen heftigen Arbeitskampf mit radikalen Gewerkschaften durchstehen, der "paritätisch" nach Landessitte beendet wurde: Externe Gewerkschaften blieben fortan vom Unternehmen ausgeschlossen, die verbliebenen Mitarbeiter erhielten eine lebenslange Arbeitsplatzgarantie und die Zusage gesicherter Einkommen. Ihre sonstigen Interessen ließen sie von innerbetrieblichen Gewerkschaften vertreten, die der Personalabteilung angeschlossen waren. Im Gegenzug traten Präsident und Vorstandsvorsitzender des Unternehmens zurück und machten Platz für neue Männer mit neuen Ideen.

Seither herrscht Frieden. Management und Belegschaft bilden eine monolithische Einheit, die hoch motiviert und mit hoher Arbeitsmoral ausgestattet die gleichen Wertmaßstäbe und Ziele teilen, und wie eine Pseudo-Großfamilie an einem Strang ziehen. Die Arbeitsethik ist auf allen Ebenen hoch, "im Maschinenraum" wie "auf dem Oberdeck".

 
Helmut Becker ist Gründer und Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in München. Von 1974 bis 1996 stand er in den Diensten von BMW, zuletzt als Chefvolkswirt.
Dass seit Heraklit "der Krieg der Vater aller Dinge" ist, hat sich auch hier bewahrheitet: Gerettet wurde das Unternehmen letztlich durch den Ausbruch des Korea-Krieges, der einen Großauftrag zur Produktion leichter Militär-Lkw für das Unternehmen brachte (was sicherlich den Vorteil hatte, dass Qualitätsmängel und Produktunzulänglichkeiten von Feindeinwirkungen schwer zu trennen waren). Anschließend setzte man die Produktion nahtlos mit kleinen gewerblichen Fahrzeugen und von kleinen Pkw ausschließlich für den japanischen Markt fort.
 

Zum zweiten Teil des Interviews                  weiter >>


[Diesen Artikel finden Sie im Archiv des Manager Magazins]

Das Phänomen Toyota

 Teil 1: Krieg als Vater aller Dinge

 Teil 2: Im Maschinenraum und auf Oberdeck

 Teil 3: Hämmer unter kalifornischer Sonne


 

 

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