Hintergrund
„Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen“
Albert Einstein
Globalisierung, Marktsättigung, Preisverfall,
Atomisierung des Marktangebotes durch endlose Modelloffensiven in
allen nur denkbaren Marktsegmenten bei allen Herstellern,
Innovationen im Grenzbereich des Kundennutzens sowie eine zunehmende
technische und organisatorische Komplexität des Produktes Automobil
charakterisieren die Herausforderungen der Automobilindustrie zu
Beginn dieses 21. Jahrhunderts.
Der Kampf um Märkte und Kunden hat eine bis
dato in der Branche nicht gekannte Schärfe erreicht. Die Folge sind
tief greifende strukturelle wie regionale Veränderungen entlang der
gesamten Wertschöpfungskette. Sie fordern von den Herstellern, vor
allem aber auch von den Zulieferern, klare strategische
Unternehmenskonzepte zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit ihrer
Unternehmen. Im Fokus stehen dabei mehr und mehr „stay or leave“-
Entscheidungen bezüglich heutiger Märkte und traditioneller
Produktionsstandorte. Hiervon ist vor allem Deutschland betroffen.
Einschlägige Abhandlungen aus Wissenschaft und
Managementberatung über
·
die künftige Neugestaltung der Wertschöpfungskette in
der Branche, bis hin zu Cent-genauen Prognosen über die künftige
umsatzmäßige Arbeitsteilung zwischen Hersteller und Zulieferer,
·
strategische Erfolgsfaktoren für Hersteller wie
Zulieferer in der künftigen Wertschöpfungskette
·
sowie prozentgenaue Anteils-Prognosen technologischer
Trends im Produkt bzw. im Produktionsprozess
sind Legion. Ihre
Erkenntnisse basieren in der Regel auf Kundenbefragungen
einschlägiger Beratungsgesellschaften der betroffenen Glieder der
Wertschöpfungskette (Hersteller + Zulieferer) oder beruhen auf
technologischen Trendfortschreibungen
wissenschaftlicher / technischer Forschungseinrichtungen.
Alle diese Studien sind wertvoll und geben den
angesprochenen Original Equipment Manufacturers (OEMs) und
Zuliefererunternehmen wichtige strategische Handlungshinweise zur
Sicherung ihrer Rentabilität und Wettbewerbsfähigkeit. Und übersehen
dabei völlig, dass auf oligopolistischen Märkten wie dem heutigen
Automobilmarkt die gleichgerichtete Umsetzung der vorgeschlagenen
Maßnahmen den Betroffenen herzlich wenig nützt, wenn sich alle am
Ende in einer noch angespannteren Wettbewerbssituation wieder finden
als vorher, nur bei deutlich schlechteren Erträgen. Denn nicht nur
die Beratung, auch die Maßnahmen kosten Geld.
Die Rabattschlachten der US-Hersteller auf dem
amerikanischen Automobilmarkt in den zurückliegenden Jahren sind ein
gutes Beispiel dafür: Die endogene Wachstumsdynamik des
US-Automobilmarktes als Ganzes blieb durch diese Rabattaktionen der
einzelnen Hersteller unberührt, d. h. seine Entwicklung war, ist und
wird exogen durch die makroökonomischen / gesamtwirtschaftlichen
Rahmenbedingungen vorgegeben. Stattdessen machte jeder US-Hersteller
für sich auf Mikro-Ebene hohe Verluste, sehr zur Freude der
amerikanischen Verbraucher, deren „Konsumentenrente“ in dem Maße
stieg, wie die Hersteller die Preise senkten. Daraus folgt: Wenn auf
engen oligopolistischen Märkten gleich starke Anbieter in gleichem
Tempo in die gleiche Richtung rennen, kommt keiner voran!
Individuelle Maßnahmen einzelner
Hersteller/Anbieter ändern den Markt nicht. Wenn ein Markt
dauerhafte (strukturelle), nicht temporäre (konjunkturelle)
Überkapazitäten aufweist, müssen Kapazitäten abgebaut werden, d. h.
Anbieter ausscheiden – da helfen alle betriebswirtschaftlichen
Management-Rezepturen nichts! Es mag zwar durchaus richtig sein,
dass beispielsweise der Anteil der Zulieferindustrie an der globalen
automobilen Wertschöpfung in den nächsten 10 Jahren um 12% bzw. um
rund 300 Mrd. US-$ – dies entspricht dem heutigen BIP der Schweiz –
zulasten der OEMs zunimmt. Völlig außen vor gelassen wird dabei
jedoch, dass aufgrund der weiteren, auf makroökonomischen Ursachen
beruhenden Verschärfung des globalen Wettbewerbs die Anzahl der OEMs
wie Zulieferer trotzdem erheblich weiter schrumpfen wird. Der
prognostizierte Wertschöpfungszuwachs wird also mit Sicherheit nicht
bei allen ankommen. Strategischer Imperativ für Hersteller wie
Zulieferer gleichermaßen muss es also sein, sich so aufzustellen,
dass man „im Ziel“ noch dabei ist. Will man, wie Toyota, dann auch
noch gewinnen, muss man schon besonders gut sein.
Damit wird eines deutlich: Die Frage nach dem
Warum wird in den traditionellen, rein mikroökonomischen
Beratungsempfehlungen selten gestellt. Welche Ursachen, welche
makroökonomischen Rahmenbedingungen sind jetzt und in Zukunft
die Treiber für die zu erwartenden Veränderungen der Märkte? Was
ist, wenn die Befragten sich in ihrer subjektiven Einschätzung
irren? Oder die technologischen Trends aufgrund exogener
Strukturbrüche am Ende doch anders verlaufen und sich die
weltwirtschaftlichen und automobilmarktspezifischen
Rahmenbedingungen völlig anders entwickeln, als nach den
Trendextrapolationen der Probanden unterstellt? Die Frage nach den
tiefer liegenden Ursachen der exogenen Veränderungen der
Wettbewerbsverhältnisse auf den Weltmärkten und vor allem deren
Folgen für OEM und Zulieferer wird meistens nicht nur nicht
beantwortet, in der Regel wird sie gar nicht erst gestellt. Sonst
wären Aussagen wie „Die logische Konsequenz dieses Tatbestandes
(Marktsättigung und sinkende Absatzchancen in der Triade; Anmerk. d.
Verf.) ist eine Verlagerung des Wettbewerbs in andere Regionen“.
Das Gegenteil ist richtig!
An diesem Punkt setzt die vorliegende Studie
an. In diesem Buch geht es im Kern nicht um die Ausbreitung
erfolgreicher Anpassungsstrategien von OEM und Zulieferer an sich
verändernde Wertschöpfungsketten. Viel mehr geht es hier darum,
welche unterliegenden Kräfte diese Veränderungen in den
Angebots-(=Kosten) wie Nachfrage-(=Marktwachstum) Bedingungen in der
Weltautomobilindustrie bewirken. Zunächst muss gefragt werden,
warum etwas geschieht, bevor gesagt werden kann, welche
Konsequenzen das für die gesamte Branche und die traditionellen
Automobilstandorte hat. Strategische Empfehlungen für die Akteure
mag der Leser dann selber ableiten. Hinweise darauf sind genügend
vorhanden.
In Kapitel 1 werden die Ursachen für die
drastische Verschärfung des globalen Wettbewerbs auf sämtlichen
Automobilmärkten zu Beginn des 21. Jahrhunderts analysiert. Wie
haben sich die Bedingungen auf den globalen Absatzmärkten verändert?
Welche Konsequenzen hat das für die Branche als Ganzes? Was sind die
Symptome für den weltweiten Umbruch der Branche in der ersten Dekade
dieses Jahrhunderts? Welchen Anteil haben die Hersteller selbst an
der um sich greifenden Ertragsschwäche? Wie betroffen sind die
Zulieferer und welche trifft es besonders? Was ist zu tun, um zu
überleben?
·
Ein Hauptaugenmerk widmet die Untersuchung vor allem
der deutschen Automobilindustrie. In Kapitel 2 werden interne
wie externe Ursachen aufgezeigt, die zu einer Verschlechterung der
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie geführt haben
und noch weiterwirken. Dabei steht man als Analyst allerdings sehr
schnell vor dem Problem, dass die deutsche Automobilindustrie
in dieser abstrakten Form überhaupt nicht existiert. Vielmehr hat
man es mit sechs unterschiedlichen Automobilkonzernen
mit einer Vielzahl eigenständiger Marken (z.B. AUDI, Bentley, Mini
Cooper, Smart, Rolls-Royce, Skoda etc.) und einer inzwischen
verwirrenden Vielzahl von Modell- und Baureihen zu tun.
Wie heterogen diese Konzerne 2004 aufgestellt waren zeigt sich an
der Spanne der ausgewiesenen Umsatzrenditen, die von +17% bei
Porsche bis zu –4% bei Opel
reicht. Jede Aussage über die deutsche Automobilindustrie geht also
von vornherein von einem verfälschenden Durchschnitt aus. Allerdings
bezieht sich die vorliegende Studie nicht auf absolute Kenngrößen
sondern auf Trends, die in oligopolistischen Märkten für alle
Hersteller, unabhängig von ihrer individuellen Ertrags- und
Wettbewerbssituation, gleiche Gültigkeit haben. Wobei einzuräumen
ist, dass die OEMs mit hohem Ertragspolster mehr Reaktionsspielraum
und damit Handlungsoptionen haben, auf negative Trends langfristiger
und schlagkräftiger zu reagieren als solche Hersteller – wie z. B.
Opel –, die tief in der Verlustzone stecken: Wenn bereits „der
Dachstuhl“ brennt, erübrigt sich die Frage, ob man besser auf Regen
warten oder beginnen sollte, mit Wasser zu löschen.
·
Nicht minder spannend ist die Frage nach der künftigen
Entwicklung, vor allem unter dem Gesichtspunkt: Gibt es Hoffnung auf
eine künftige Entschärfung des globalen Verdrängungswettbewerbs?
Hilft der Markt künftig bei der Lösung der Ertragsprobleme oder
müssen die Hersteller und Zulieferer damit aus eigener Kraft fertig
werden? In Kapitel 3 werden die Mega-Trends der
Weltmarktentwicklung sowie der „neuen Arbeitsteilung in der
Weltautomobilindustrie“ – regional wie strukturell – für die
kommenden zehn Jahre aufgezeigt.
Der globale Verdrängungswettbewerb in der Automobilindustrie geht
von der Spitze der Wertschöpfungskette, den Herstellern, aus und
wird auf alle vor- wie nachgelagerten Ebenen weitergereicht („chain
competition“). Auch wenn schon seit Anbeginn der
Automobilindustrie Anfang des 20. Jahrhunderts eine fortwährende
Konzentrationswelle unter den OEMs zu beobachten war, die parallel
dazu auch in der Zulieferindustrie stattfand, so ist der
Verdrängungswettbewerb in der heutigen Form und Schärfe neu. Nur zur
Erinnerung: In Deutschland gab es in den 20er Jahren des letzten
Jahrhunderts über 300 Automobilhersteller. Inzwischen ist die Anzahl
der selbstständigen OEMs zu einem engen Oligopol
zusammengeschrumpft, in dem selbst Premium-Hersteller beredt Klage
über die Wettbewerbsverschärfung führen. Aus der engen
betriebswirtschaftlichen Sicht mag das verständlich sein, aus der
übergeordneten Sicht eines Ökonomen eher ein Beleg für
Marktsättigung und funktionierenden Wettbewerb zugunsten der
Verbraucher.
·
Besonders spannend ist natürlich die Frage, wie sich
dieses globale Oligopol der verbliebenen 11 großen
Automobilhersteller in Zeiten absehbarer Wettbewerbsverschärfung
weiter entwickeln wird: Wer hält stand, wer läuft Gefahr, als
selbstständiger OEM vom Markt zu verschwinden? Dieser Frage wird in
Kapitel 4 nachgegangen. Zur Abschätzung der weiteren
Entwicklung der Weltautomobilindustrie unterzieht die Studie die elf
größten noch verbliebenen unabhängigen Automobilkonzerne einem
Rating hinsichtlich ihrer Zukunftsfähigkeit. Anhand eines selbst
entwickelten, detaillierten Rating-Systems wird der
IWK-Survival-Index (ISI) erstellt, der die Zukunftsfähigkeit
jedes einzelnen Herstellers anhand einer Vielzahl von Kennzahlen und
Bewertungskriterien misst und gewichtet. Um Kritikern zuvorzukommen:
Das IWK ist keine professionelle Rating-Agentur und verfügt weder
über die materiellen noch personellen Ressourcen, um jeden OEM
akribisch mit hohem finanziellen Aufwand zu untersuchen. Wir haben
uns darauf beschränkt, die verfügbaren Rating-Resultate auszuwerten,
eigene Erkenntnisse und Bewertungskriterien einzubringen, und alles
und nach einem eigens entwickeltem Schema zu bewerten und in dem
IWK-Survival-Index (ISI) zusammenzufassen.
·
Aus der Zukunftsperspektive der Hersteller als Ganzes
kann nun auf die Konsequenzen für die Zulieferindustrie geschlossen
werden. Was geschieht mit den Zulieferern bei einer weiteren
Verengung im Oligopol der OEMs? Wie müssen sie auf die erwartete
Konzentration im Kreis ihrer Kunden reagieren, wenn sie überleben
wollen? Auf diese Fragen versucht Kapitel 5 Antworten zu
finden. Auch hier, wie bei den OEMs selbst, kann es – anders als in
vielen einschlägigen Analysen externer Branchenexperten suggeriert –
keine Empfehlung geben, die für jedermann gültig wäre. Auch hier,
wie bei den OEMs, gibt es nicht den Zulieferer – ganz
abgesehen von der Unterscheidung nach der Positionierung in der
Wertschöpfungskette. Da die veröffentlichte Literatur zu diesem
Thema bereits sehr umfänglich ist, beschränkt sich die Darstellung
auf Herausforderungen und Risiken, die sich für die Zulieferbranche
als Ganzes am Standort Deutschland ergeben, und evaluiert dann für
den jeweiligen Zuliefertyp die entscheidenden strategischen
Erfolgsfaktoren für ein Überleben in der künftigen Automobilwelt.
Aber auch hier ist von vornherein klar, dass nicht alle
Zulieferunternehmen das „rettende Ufer“ erreichen werden, die Anzahl
selbstständiger Zulieferer wird weiter erheblich schrumpfen. Hier
gilt es Marktmacht aufzubauen, die eine Geschäftsbeziehung zum OEM
„auf Augenhöhe“ ermöglicht.
·
Last but not least wird in Kapitel 6 die Frage
nach der Zukunft des Automobilstandorts Deutschland gestellt.
Hat der Automobilstandort Deutschland überhaupt noch eine Zukunft in
dieser globalisierten Welt, in der quasi über Nacht
Automobilfabriken an (fast) allen Plätzen der Erde betrieben werden
können, nur dort erheblich kostengünstiger? Folgt man der reinen
Wirtschaftstheorie über vollkommene Faktormärkte, wäre die Antwort
einfach, aber schmerzhaft: Im globalen Standortwettbewerb um die
Produktion und Montage arbeitsintensiver und/oder einfacher Vor- und
Endprodukte kann der Hochkostenstandort Deutschland mit den
Niedriglohnländern Osteuropas und Asiens, rein rechnerisch
betrachtet, nicht mithalten.
Es ist in der Tat so, dass eine Verlagerung von Produktion und
Beschäftigung längst im Gange ist. Zu fragen ist,
·
wie weit und tief die Standortarbitrage künftig noch
in die deutsche Industrie- und Beschäftigungsstruktur einschneidet?
·
ob die deutschen Automobilhersteller durch den
Abschluss von Zukunfts- und Beschäftigungssicherungsverträgen mit
den Belegschaften bereits den schlimmsten Wertschöpfungs- und
Beschäftigungsaderlass hinter sich haben? Oder ob es nicht schon
bereits erste Anzeichen dafür gibt, dass der globale
Standortwettbewerb auch schon in die Serienproduktion technisch
anspruchsvoller sowie komplexer Produkte, und sogar schon in deren
Entwicklung eindringt – der Kernkompetenz der deutschen
Automobilindustrie?
·
welche Argumente dennoch dafür sprechen, dass
Deutschland langfristig Automobilstandort bleibt, wenn auch ein
„gerupfter“?
So sehr auch
bei den Anpassungs- und Umstrukturierungsprozessen in der deutschen
Automobilindustrie unternehmerische Entscheidungen nach den harten
Kosten- und Rentabilitätszwängen der Betriebswirtschaft
unverzichtbar sind, so soll nicht verkannt werden, dass bei aller
gesellschaftlicher Einsicht in das Unvermeidliche vor allem Mut und
Entschlossenheit aller Beteiligten gefragt sind. Die
Herausforderung der Globalisierung muss offensiv,
nicht defensiv
angenommen werden. Von den Unternehme(r)n ist Führungskraft,
Entschlossenheit und Kreativität gefordert. Von den Arbeitnehmern
Handeln im wohl verstandenen Eigeninteresse. Nicht Wunschdenken und
Illusionen – ebenso wenig wie Lobbyisten und Funktionäre – sichern
Arbeitsplätze, sondern wettbewerbsfähige Produkte.
In Zeiten einer allseitigen allgemeinen
Verunsicherung über die Folgen der Globalisierung hat die Politik
schließlich dafür zu sorgen, dass wirtschaftliche Tätigkeit am
Standort Deutschland hausgemacht nicht auch noch zusätzlich
erschwert, sondern begünstigt wird. Die Aufgabe der Politik muss es
daher sein, insbesondere in der Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Finanz-
und Wirtschaftspolitik die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen
und Hemmnisse abzuschaffen.
Die erforderlichen Analysen und
Maßnahmenvorschläge an die Politik sind Legion und werden in diesem
Buch nicht zusätzlich behandelt. Neues kann der Autor dazu nicht
beitragen. Allenfalls der Politik Mut machen, sich über
Gruppenegoismen hinwegzusetzen und beherzt zu handeln.
Für weiterführende Fragen steht Ihnen das IWK gerne zur Verfügung -
kontaktieren
Sie uns!
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